4. lockdown bzw. Osterruhe

Die Osterruhe wurde in Deutschland ausgerufen und am nächsten Tag widerrufen, das war dann der Tag an dem diese für Wien vorgeschlagen wurde. Da nun Wien, Niederösterreich und das Burgenland direkt vom 3. lockdown in den 4. gerutscht sind, nennen wir das auch Osterruhe in der Ostregion. Geplant war dies für die Osterfeiertage, der Wiener Bürgermeister hat die Osterruhe aber gleich verlängert, Niederösterreich und das Burgenland haben 3 Tage darüber nachgedacht und nun auch verlängert. Nein, das ist kein Aprilscherz, das ist tatsächlich so passiert. Seit heute ist also der Handel wieder geschlossen, homeoffice dringend empfohlen und es gilt eine strenge Ausgangssperre mit diversen Ausnahmen. An stark frequentierten Plätzen in Wien gilt auch im Freien eine Maskenpflicht.

Notwendig wurde das aufgrund der starken Auslastung der Krankenhäuser. Glaubt man den einschlägigen Berichten sind sämtliche nicht lebensnotwendigen Operationen in Wien gestrichen. Ich weiß nur aus Berichten von Betroffenen, dass es kaum noch möglich ist ein Spital zwecks Besuch zu betreten, ohne negativen Test sowieso nicht. Die Mutter meiner Freundin, 86 Jahre alt, wurde mit einem Bruch in ein Unfallkrankenhaus eingeliefert, die Arztinformation erfolgte am nächsten Tag auf der Straße, weil meine Freundin nicht am Portier vorbei gekommen ist. Alles in allem kommt mir die derzeitige Situation bei weitem schlimmer vor als letztes Jahr um die Zeit. Kaum daran zu denken, wie das nächstes Jahr wird, wenn die Mutationen die Impfungen wirkungsloser machen.

Politisch gibt es nahezu täglich irgendwelche absurde Meldungen, welcher Regierungspolitiker welche Falschaussage in welchem Zusammenhang gemacht hat. Es ist nicht mehr lustig. Unser Bundeskanzler hat sich auch nicht sehr beliebt gemacht, in letzter Zeit. Man sollte glauben, die Zeiten sind schlimm genug, naja. Hugo Portisch ist heute gestorben, der Mann hat mit seinen Erklärungen viel dazu beigetragen, dass ich mich für Politik überhaupt erst zu interessieren begonnen habe. Daraus resultierten viele Diskussionen mit meinem Vater. Eine herausragende Persönlichkeit.

Persönlich gibt es wenig zu berichten. Wir waren beim Hautarzt zur Kontrolle. Rebecca hat bereits ihre erste Akne, sie wird wohl bald auch ihre Tage bekommen. Das arme Ding. Ich sehne von Monat zu Monat das Ende herbei. Aber Monat für Monat kommen die Tage, fast auf die Minute pünktlich. Ich war beim Augenarzt und Optiker und habe nun endlich wieder den Durchblick. Allerdings auf 2 Brillen verteilt. Hier hat das Alter in Form einer Lesebrille bereits zugeschlagen. Zur Hausärztin muss ich noch, ich habe Schmerzen seit der Schlepperei, die leider nicht besser werden. Dabei graut mir vor Arztbesuchen, in diesen Zeiten noch mehr als sonst.

Wir haben Wasser in der Küche! Ich kann also kochen, obwohl der Zustand nicht als fertig bezeichnet werden kann. Egal, ich bin generell genügsam. Wir genießen die Osterferien und das schöne Wetter.

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1 Jahr Pandemie

Seit Wochen wird in den Medien der Jahrestag der Pandemie beschrieben. Für mich war das einerseits der 13.03.2020 die Pressekonferenz, wo quasi alles begann und andererseits der 16.03.2020, der erste Tag im kompletten Lockdown und mein Beginn der täglichen Aufzeichnungen hier. Ein Jahr später habe ich es an keinem der beiden Tage geschafft aktuell zu schreiben. Ich bin oft so ausgelaugt und müde, dass ich keinen geraden Satz raus bringe, geschweige denn einen ganzen Text.

Ich sitze also nach dem 1. Corona Jahr in meiner neuen Wohnung und frage mich immer noch, wie ich allein die Übersiedlung überhaupt geschafft habe. Natürlich kann ich mich an diese Tage der kompletten Erschöpfung erinnern und gewisse Schmerzen habe ich immer noch. Aber es erscheint mir wie ein Wunder, dass es wirklich funktioniert hat. Dass sich, wie so oft, eins ins andere gefügt hat. Ich habe immer noch kein Wasser in der Küche, aber zumindest der Herd funktioniert schon. Die Kinder gehen, coronabedingt mehr oder weniger regelmäßig, zur Schule. Sie haben ihre Schularbeiten geschrieben, wir haben mitten im Chaos dafür gelernt. Ich habe den Keller schon 2x umgeräumt, nächste Woche werden wir die Fahrräder holen. Es fühlt sich noch nicht nach Alltag an, aber das liegt auch an dieser ganz speziellen Zeit.

Ich war am Friedhof (Foto) und habe der Tochter meines Ex geholfen die Blumen zu entfernen. Die Urnenbestattung war eine gute Idee, er liegt jetzt seinen Eltern zu Füßen. Wir haben kurz geplaudert, sie kämpft mit ihren Gefühlen. Sie redet gern mit mir, ich bin die letzte, die ihren Vater genauso gut kannte, wie sie selbst. Es ist ein komisches Gefühl dieses Grab zu besuchen, wo ich dabei war, als seine Eltern begraben wurden. Wo ich bei der Pflege mitgeholfen habe soviele Jahre. Er hatte ein Ritual: bevor er ins Ausland geflogen ist, hat er seine Großmutter besucht. Ich war oft mit ihm da.

Ich habe einen Floh im Ohr betreffend meine berufliche Zukunft. Es gibt den Beruf des Freizeitpädagogen. Man wird zur Betreuung der Kinder im Hort (am Nachmittag nach der Schule) ausgebildet. Die Ausbildung dauert 2 Semester und wird angeblich vom AMS gefördert, besonders für 50+ Menschen. Da ich meine komplette Schulzeit Lehrerin werden wollte, würde sich hier zum Schluss der Kreis schließen. Noch ist es nur so eine Idee, aber darüber nachzudenken gefällt mir.

Der Frühling hat mit Minusgraden und Schneefall begonnen. Das nervt gewaltig, aber die Tage werden länger und bald wird es auch wieder wärmer. In den ersten 4 Wochen hier am neuen Standort habe ich schon unzählige schöne Sonnenaufgänge gesehen. Der Blick aus dem Fenster fesselt mich immer noch. Derzeit gibt es Gleisbauarbeiten zu sehen und zu hören, aber es stört mich einfach gar nicht. Ich höre keine Menschenmassen, quietschende Autos oder Motorräder, wie am Mexikoplatz und das ist wunderbar!

Eingewöhnung

Langsam nimmt die Wohnung Form an. Auch nach 2 Wochen habe ich mich nicht an diesen grandiosen Ausblick gewöhnt. Aus dem Fenster zu schauen ist zu jeder Tages- und Nachtzeit genial. Gerade in kleinen Wohnungen schaut man gern aus dem Fenster. Wenn man dann statt einer Hausfront in die Ferne schaut, kann das was! Wir sprechen mittlerweile die Ansagen der U4 mit 😎

Ich war bei Ikea, weil ich dringend Möbel für die Küche brauchte. Nur das Notwendigste um den Herd und die Spüle anzuschließen. Wir mussten in die SCS, nur dort waren die Teile lagernd. Ich war erschüttert, wie es dort zuging! Vor Ikea eine Schlange von über 100 Leuten, die nachher drinnen Probe sitzen oder liegen und herum schlendern. Das mag ich schon ohne Pandemie nicht. Meine Begleitung habe ich draußen gelassen, er war noch nie im größten Einkaufszentrum weit und breit. Er hat nachher erzählt, dass es viele Schlangen gab, z.B. vor Zara. Nach 30 Jahren in Hamburg wollte er ein Matjesbrötchen kaufen, hat aber wegen der Menschentrauben bei Nordsee aufgegeben. Interessant auch, dass bei Ikea mit Securitys Menschen gezählt und gestoppt werden, im Bauhaus aber nicht. Dort habe ich dann 2 Arbeitsplatten erstanden. Zum Glück habe ich jetzt ohnehin kein Geld mehr um mich irgendwo anstellen zu können.

Die Kinder haben sich schnell eingewöhnt! Sie schlafen viel besser und ich habe das Gefühl, dass sie sich wohl fühlen, trotz dem Chaos hier. Wir haben nebenbei für Geotest und Englisch SA (Rebecca) und Mathe SA (Raphael) gelernt. Auch das hat gut geklappt. Der Ausblick auf den Bahnhof beim Lernen lässt mich viel ruhiger sein. Sie haben schon Freunde besucht von hier aus, der Weg ist halt länger. Rebecca ist zum 1. Mal mit Umsteigen U Bahn gefahren und auch das funktioniert tadellos. Der große Innenhof mit Spielplatz wurde auch schon eingeweiht. Rebecca hat mich auf allen Einkäufen begleitet und kennt jetzt alle Supermärkte hier, nicht unpraktisch.

Am Mittwoch habe ich mir eine Auszeit gegönnt. Ich war den ganzen Tag bei meiner Freundin. Wir saßen eingewickelt in Schaffell und Decken in der Sonne und haben gequatscht. Es ist unfassbar wichtig solche Momente zu haben und abends war ich ausnahmsweise nicht total erschöpft, sondern angenehm müde. Ich schaffe es mittlerweile 6 Stunden am Stück zu schlafen. Auch das ist extrem angenehm!

Jetzt wird die Küche aufgebaut, nächste Woche muss ich den Keller umräumen und praktikabel schlichten. Und zum Augenarzt. Vielleicht noch zum praktischen Arzt wegen Knie und Gallsteinen.

Zimmer mit Aussicht

Der neue Ausblick ist grandios und in dem derzeitigen Chaos meine Meditation schlechthin. Dieser Bahnhof ist mein Aquarium, wo andere Leute stundenlang Fischen beim schwimmen zuschauen können, beruhigt mich der Blick aus dem Fenster jeden Tag mehrmals. Der Lärm der Züge, ich höre sogar die Durchsage am Gleis, oder der Busse stört mich auch kein bisschen. Dafür fahren kaum Autos und Menschen sind auch selten zu hören. Gerade die letzten Tage, wo ich noch am Mexikoplatz mit all seinem Trubel die Reste eingesammelt habe, habe ich den Unterschied überdeutlich erlebt. Dieser freie Blick, ich sehe auch den Donauturm, ist nach Jahren inmitten von Häuserschluchten sehr angenehm.

Der 2. sehr große Pluspunkt ist das überdimensionale Kellerabteil. Ich habe die Wohnung ja erst vor einer Woche das erste Mal gesehen und gleich gewusst, dass der Keller mich retten wird. Da die Wohnung sehr klein ist, werde ich selbst, wenn hier alles geordnet ist, viel Alltagskram im Keller haben. Da ist es hilfreich, dass dort außerordentlich viel Platz ist und dass es halbwegs trocken ist da unten.

Am 20.02. um 09:00 Uhr ist der Übersiedler gekommen. Zu 3. wurden erstmal die großen Teile eingeladen, schnell war klar, dass 2 Mal gefahren werden muss. Zum Glück habe ich eine Pauschale vereinbart. Der Vater der Kinder kann sich wieder einmal wenig bewegen, zum Glück war ein Freund zur Stelle, der beim Abbau der Möbel geholfen hat. Er hat auch die Kinder von Samstag bis Dienstag übernommen. Seine Tochter und Rebecca kennen sich aus dem Kindergarten. Der Mann meiner Tante hat mir dann die nächsten beiden Tage geholfen restlichen Kleinkram zu holen. Der Weg ist mit dem Auto in ca. 15 Minuten zu schaffen, auch ein großer Vorteil. Am Mittwoch war dann das Begräbnis, quasi Ruhetag und am Donnerstag habe ich die Schlüssel übergeben. Da ich nur Untermieter war müssen jetzt noch Einbaumöbel entfernt werden.

Körperlich war ich in diesen Tagen an meiner absoluten Belastungsgrenze. Mein rechtes Knie schmerzt mittlerweile auch in Ruhestellung, eigentlich gibt es keinen Körperteil, der nicht weh tut. Vor lauter Stress hat die Regelblutung nach 3 Tagen aufgehört. Psychisch bin ich ebenfalls am Limit. Tagelang hatte ich das Gefühl, dass ich diese Übersiedlung nicht schaffe. Die körperliche Anstrengung über mehrere Tage ohne Schlaf und Essen hat mich völlig ausgelaugt. Letzte Nacht habe ich das erste Mal nach Wochen 6 Stunden am Stück geschlafen. Eigentlich sitze ich da und kann immer noch nicht glauben, dass ich es geschafft habe!

Hier fehlt die Küche, derzeit bringen die Mikrowelle oder der Essensbote warmes Essen. Nächste Woche werde ich Unterschränke für den Herd und die Spüle holen, dann kann der Mann im Haus beginnen die Küche zu basteln. Der Kühlschrank wurde am Übersiedlungstag geliefert. Die Technik hatte er schnell im Griff, die Tochter hat schon den ersten distance learning Freitag hinter sich. Ich habe heute meine AMS Bewerbungen erledigt. Den Job habe ich nicht bekommen. Wenn ich bedenke, dass dort morgen mein erster Arbeitstag gewesen wäre, ist das auch gut so. Der Sohn hat als Volksschüler jeden Tag Schule und ist schon 3 Tage mit dem Bus den langen Weg gefahren. Es ist ok, die Station ist direkt vor dem Haus, aber der Weg ist jetzt sehr lang. Einmal ist er morgens eingeschlafen.

Es ist noch viel zu tun und bis wir hier alleine wohnen und die Tochter ihr eigenes Zimmer hat, wird es noch dauern. Vorerst bin ich froh, dass ich den Umzug überstanden habe. Und kann es andererseits auch nicht fassen, dass mir dieser Kraftakt gelungen ist.

Umzug

Noch der Ausblick beim Einschlafen

Jetzt wird es langsam ernst, in einer Woche um diese Zeit haben wir schon die erste Nacht in der neuen Wohnung verbracht. Am Donnerstag ist Mietvertragstermin und Schlüsselübergabe. Dann fahre ich direkt hin und schaue mir erstmals selbst alles an. Quasi blind gemietet, aber es musste sein. Inzwischen packe ich die letzten Schachteln und frage mich, wo ich alles dort unterbringen soll. Ist eigentlich das erste Mal, dass ich in eine komplett leere Wohnung übersiedle. Achja und in die Wanne muss ich noch einmal, gibt es zukünftig auch nicht mehr.

Ich hatte dieses Vorstellungsgespräch per Teams und gleich 2 Tage später war ich 2 Stunden schnuppern dort. Nettes Team, der Job klingt interessant, aber generell bin ich eher zurückhaltend eingestellt. Angeblich erfahre ich morgen, ob ich den Job bekomme.

Morgen ist die Schuleinschreibung vom Sohn und vorhin hat er mir gestanden, dass er aufgeregt ist. Ich bin guter Dinge, dass er das Gespräch souverän schaffen wird, mit Erwachsenen kann er einfach wirklich gut.

Die Tochter von R. hat mir Fotos und ein altes Tagebuch gebracht, sie räumt die Wohnung. Das Begräbnis wird am 24.02. stattfinden, ich kenne den Friedhof, war da schon auf der Beisetzung seiner Eltern. Die ersten Tage waren komisch, mittlerweile ist dieses Ereignis gesickert.

Nebenbei geht politisch in Österreich die Post ab. Ausreisen aus Tirol in die Nachbarbundesländer ist derzeit ebenso beschwerlich, wie in das Ausland reisen. Mit entsprechenden Ausnahmen. 1 Jahr nach Ischgl ist dort eine gefährliche Virusvariante am stärksten verbreitet. Tirol und Wien hatten entsprechende politische Auseinandersetzungen, naja und Bayern zieht jetzt auch die Rückschlüsse. Währenddessen wird jedes Wochenende in Wien gegen die Auflagen zur Pandemiebekämpfung in Wien demonstriert. Die meisten Demonstrationen sind allerdings verboten und werden daher von einem massiven Polizeiaufgebot begleitet. Das klingt komisch, ist es auch.

Einige ÖVP Minister der Bundesregierung stehen im Dauerfeuer der Kritik, eine Dame ist neulich zurück getreten, weil mit ihrem Titel was nicht passt. Böse Zungen behaupten, dass es besser wäre, wenn andere gehen würden. Trauriger Höhepunkt diese Woche eine Hausdurchsuchung oder Nachschau, genau habe ich das nicht verstanden, beim amtierenden Finanzminister. Man könnte meinen, dass man mitten in einer Pandemie und weltweiten Wirtschaftskrise anderes zu tun hat, als jeden Tag neue Dementis medienwirksam zu verlautbaren. Ich nenne keine Namen und Anschuldigungen, denn Alle, die falsche Behauptungen verbreiten werden geklagt,…

Denen, die Valentinstag feiern, wünsche ich viel Spaß! Denen, die nicht in Feierlaune sind, wünsche ich viel Kraft! Und bleibt gesund!

05.02.2021, 05:55 Uhr

wird auf der Sterbeurkunde von R. stehen. Er hat es geschafft und obwohl ich ihn am Dienstag noch 2 Stunden gesehen habe, ist es kaum zu glauben. Auf dem Bild bin ich unglaublich jung und verliebt, es zeigt viel besser als jedes Wort wieviel er mir bedeutet hat.

Wieder habe ich mit seiner Tochter gesprochen, seine Cousine wird sie in den nächsten Tagen bei den Behördenwegen unterstützen. Sie hat mir erzählt, dass sie mich als Teil der Familie betrachten, da ich ja lange Zeit mit ihm zusammen war. Auch deren Mutter habe ich im Pflegeheim öfter besucht, wenn sie im Ausland war. Es ist gigantisch wieviele kleine Erinnerungen in den letzten Tagen wieder präsent sind. Ist doch die Zeit, wo obiges Bild entstanden ist, tatsächlich ein komplett anderes Leben gewesen.

Da ich vor meinen Kindern nichts fern halte, schon gar nicht, wenn wir wochenlang aufeinander kleben, haben sie mitbekommen, dass mein Ex im Sterben lag. Raphael hat sich erstmal schlau gemacht, was mit so einem Verstorbenen passiert und welche Arten der Beerdigung es gibt. Auf meine Frage, ob das nicht zu heftig ist, meinte er, dass das doch interessant ist zu wissen. Wir haben uns die letzten Wochen lockdownmäßig nur in der nächsten Umgebung aufgehalten, aber zum Thema passend, waren wir am Mittwoch am Zentralfriedhof. Dieses Gelände ist mehr als nur sehenswert, die Kinder waren schon öfter mit dem Vater dort und wir haben 2 Stunden dort verbracht und nur einen Bruchteil gesehen. Das wahrlich schöne war aber, dass wir einen wunderbaren älteren Herren getroffen haben, der uns dann eine gute Stunde begleitet hat. Mit unzähligen Anekdoten über den Ort, prominente Verstorbene und vieles mehr. Jetzt weiß ich, dass es der zweitgrößte Friedhof in Europa ist, nur in Hamburg gibt es einen größeren. Dass aber bei weitem die meisten Verstorbenen dort liegen, mit über 3 Millionen. Dass die Fläche größer ist als der 1. Bezirk. Selbst die Kinder waren nicht gelangweilt. Es war eine wundervolle Begegnung, die noch lange nachklingen wird. Er war übrigens rüstige 86, R. wurde nur 68.

Vieles geht mir in diesen Tagen durch den Kopf, aber besonders bemerkenswert finde ich, dass R. gedanklich so klar war. Meine Freundin meint, dass Sterbende meist eher älter sind und dadurch von Haus aus verwirrter. Trotzdem ist es für mich nicht greifbar. Er weiß welcher Tag ist, fummelt an seinem Handy herum, flirtet auf seine ihm eigene Art mit den Krankenschwestern, aber seine Leber war nur noch ein einziges Krebsgeschwür, wie der Arzt heute festgestellt hat.

Und mein Leben ist trotz des abrupten Stillstandes der Arbeitslosigkeit in Verbindung mit diversen lockdowns so unglaublich turbulent, dass mein Hirn gar nicht mitkommt. Auf dem Weg zum Krankenhaus am Dienstag hat mich die Personalabteilung der Erste Bank angerufen, weil ich mich dort für das Immobilienmanagement beworben habe. Jetzt habe ich am Montag mein erstes Vorstellungsgespräch per Zoom. Aber ich habe mich dort nur beworben, weil das AMS das vorschreibt, ich bin sicher unqualifiziert, allein denen ihre freiwilligen Gehaltsvorstellungen sprengen meine Vorstellungskraft. Ich hätte im Leben nicht gedacht, dass sie mich anrufen!

Gestern hatte ich dann ein anderes Vorstellungsgespräch, ich wurde quasi empfohlen, die genauen Umstände meiner Kündigung sind bekannt. Trotzdem kann ich den Job haben, wenn der Inhaber den Zuschlag für die 30 neuen Häuser bekommt.

Aber eigentlich würde ich gern mal die Schlüssel für die neue Wohnung haben, damit wir übersiedeln können. Damit dieser Brocken einmal erledigt ist. Dann wollte ich mich liebevoll um meine Gallsteine kümmern. Wenn das erledigt ist, sollte für den Vater der Kinder eine kleine Wohnung gefunden werden, damit hier auch endlich mal klar Schiff ist. Mal sehen, wie es weiter geht, langweilig wird mir aber eher nicht. Jetzt hat sich ja auch noch ein Begräbnis rein geschummelt.

Der Abschied

Nachdem ich gestern noch draußen auf seine Tochter gewartet habe, war es heute soweit. Ich habe mittags erfahren, dass er innere Blutungen hat und mir einen Besuchstermin für 15 Uhr ausgemacht. Die Tatsache, dass ich als Ex überhaupt rein darf und als 2. Besuch am heutigen Tag (die Tochter war am Vormittag) zeigt die Dringlichkeit. Wegen Corona darf man das Krankenhaus als Besucher nur mit Termin betreten. Beinahe hätten sie mich am Eingang nicht rein gelassen. Herr W. hatte heute schon Besuch! Aber ich kann hartnäckig sein.

Aufgrund der Epilepsie meines Bruders kenne ich das AKH ganz gut, aber es ist immer wieder beeindruckend dieses riesige Krankenhaus zu erleben. Allerdings für mich nicht im positiven Sinn. In heutigen Zeiten mit Massen von Menschen in Masken auch nicht gerade besser. Endlich betrete ich das Zimmer. Ein Einzelraum, ein Überwachungszimmer, im 21. Stock, der Ausblick ist gewaltig. Wir haben uns vor 3 Jahren das letzte Mal gesehen, mit den kurzen weißen Haaren kennt er mich nicht gleich. Guter Gesprächsanfang: hab mir eh gedacht, dass du mich nicht mehr kennst!

Er hat eine Sauerstoffmaske, anfangs verstehe ich ihn kaum, ich stehe also erstmal eine Stunde neben ihm, den Kopf nach vor gebeugt. Die meiste Zeit redet er. Ich bin überrascht, dass er so klar ist in seinen Gedanken. Sein Kopfpolster ist voller Haare, seine Arme sind blau, die Haut weiß-grau, die Augen stark offen. Die meiste Zeit redet er, er freut sich offensichtlich, dass ich da bin. Es gelingt mir mehrmals ihn zum Lachen zu bringen. Ein paar Mal weint er, es gelingt mir nicht zu weinen. Nach einer Stunde kommt eine sehr freundliche Pflegerin und fragt, ob er was braucht. Er möchte aufrecht sitzen, quer im Bett. Sie meint, das geht heute nicht, er hat viel Blut verloren, da geht der Kreislauf flöten. Er besteht darauf wegen der Lungenentzündung, er darf nicht nur liegen. Er setzt sich durch und darf 15 Minuten sitzen. Ich massiere in der Zeit seinen Rücken, er hat Druckstellen vom Leintuch. Ich bin froh endlich was tun zu können und sage ihm, er soll sich entspannen und mal nichts reden, ist eh das sitzen anstrengend genug.

Er fragt, ob ich eh dann noch bleibe. Ich gebe mir innerlich bis 17 Uhr Zeit. Später werde ich gefragt, wie man sich zum letzten Mal verabschiedet. Ich weiß es nicht mehr. Knapp 40 Minuten später wusste ich nur noch, dass ich in der Tür noch gewunken habe und dass er mir nachgeschaut hat. Meine Knie sind weich, wie Pudding, mir ist flau im Magen. Endlich wieder an der Luft, rufe ich seine Tochter an. Gestern hatten wir ein langes persönliches Gespräch. Ich bin froh, dass ich da war! Ich wünsche ihm, dass er in Frieden gehen kann!

31.01.2021

Eines der letzten Urlaubsfotos, damals mit meinem Ex, im Juni 1999. Ein Jahr später haben wir uns getrennt. Das sah dann so aus, dass ich meine erste eigene Wohnung überhaupt hatte und wir trotzdem jedes Wochenende zusammen verbracht haben. Das ging noch ein gutes Jahr so, war aber eine schöne Zeit, weil es keine Erwartungen mehr gab. Er ist knapp 20 Jahre älter als ich. Er war meine erste große Liebe. Manche sagten damals, ich sei ihm hörig gewesen. Ich nannte es Liebe. Er hat mir immer alles erzählt, von Anfang an. Ich war 21 als wir eine Affäre begonnen haben, 23 als wir zusammen gezogen sind, 30 bei der Trennung. Bis zur Geburt meiner Kinder hatten wir regen Kontakt, die ersten Jahre nach der Trennung stundenlange Gespräche. „Keiner kennt mich so gut, wie du“ hat er immer gesagt. Erst vor ein paar Jahren war ich wieder einmal auf einem seiner Klassentreffen dabei.

Heute schreibt mir seine Tochter, dass er im Sterben liegt! Die Ärztin hat angerufen und gemeint, dass sie sich verabschieden kommen soll. Sie hat lange überlegt, ob sie sich melden soll, wollte aber auch nicht erst Bescheid geben, wenn es vorbei ist. Sie habe ich letztes Jahr im März getroffen, eine Woche vor dem ersten lockdown. Unser Altersunterschied beträgt nur ein paar Jahre, wir haben uns von Anfang an gut verstanden. Wir hatten in all den Jahren viele Gespräche über ihre Jugend, die Trennung ihrer Eltern und eben über ihren Vater. Sie weiß wieviel er mir einmal bedeutet hat. Ich werde morgen Nachmittag vor dem Krankenhaus warten, wenn sie bei ihm war, kann sie mir erzählen. Auch von den Wochen vorher, von der Diagnose, von all den Sorgen und Ängsten.

Wir haben uns zu Weihnachten und zu Neujahr geschrieben, wie immer. Kein Wort vom Krebs. Wir haben im Sommer telefoniert, er hat erzählt, dass Corona kein Thema für ihn ist. Aufgrund des COPT und der schlechten Beine, geht er ohnehin kaum raus. Wie immer haben wir uns verabschiedet mit den Worten: jetzt müssen wir uns dann einmal wiedersehen. Ich werde versuchen mich zu verabschieden, weiß aber nicht, ob ich wegen Corona rein darf. Es ist mir ein Rätsel warum er nichts gesagt hat. Unzählige Krankheiten hat er immer wieder scheinbar gehabt, ein echter Hypochonder! Der Bandscheibenvorfall in unserer gemeinsamen Zeit, war das einzige echte Problem. Und der Alkohol. Aber kein Wort über die Krebsdiagnose,…

Ich bin im Moment ziemlich durcheinander. Seit Wochen drehen sich meine Gedanken über mein verkorkstes Leben, meine Existenzsorgen, meine Schuld an der Kündigung, Alpträume inklusive. Seit ein paar Stunden bin ich gedanklich zwischen 25 und 30 Jahre alt. Mit ihm gab es keine Grenzen, er war ein Lebemann und eine Zeit lang war ich Teil davon. So habe ich die USA, Mexiko und Asien kennen gelernt. Den Führerschein habe ich in der Fahrschule gemacht, aber Auto fahren gelernt habe ich bei ihm, in seinem Scirocco. Wir haben heute geweint am Telefon, aber auch festgestellt, dass es eigentlich verwunderlich ist, dass er mit seinem exzessiven Lebensstil überhaupt 68 geworden ist!

30.01.2021

Das wird der zukünftige Ausblick vom Balkon. Da in der neuen Wohnung alles sehr viel kleiner ist, ist auch der Balkon sehr viel kleiner. Leider auch oben offen, aber ehrlich gesagt bin ich froh, dass es einen gibt. Wir hatten also Besichtigung diese Woche mit dem Ergebnis, dass ich die Wohnung immer noch nicht gesehen habe. Wegen Corona darf nämlich nur eine Person rein. In der Vorwoche durfte noch erst der eine und dann der andere besichtigen, jetzt aber nur noch eine Person.

Ich habe den Vater der Kinder geschickt, weil er mit dem Maßband besser umgehen kann, als ich. Ich habe jetzt 20 Fotos mehr, letztlich ist halt alles sehr klein, es wird eng werden, v.a. anfangs. Sobald wir übersiedelt und umgemeldet sind, wird er sich für eine 1 Zimmer Wohnung bewerben. In den Medien wurde berichtet, dass es in Wien sehr viele leerstehende Single Wohnungen der Gemeinde gibt und diese auf den Markt kommen sollen. Wenn das erreicht ist, hat jedes Kind ein eigenes Zimmer, was langsam auch notwendig wird. Jedenfalls habe ich mit meiner Unterschrift bestätigt, dass ich diese Wohnung nehmen werde. Ich soll in den nächsten 2-3 Wochen den Mietvertrag und die Schlüssel bekommen. Leider wird die Übersiedlung dann nicht in den Semesterferien statt finden, aber wenigstens vor Ostern.

Apropo Ferien: angeblich startet die Schule nach den Ferien am 8.2. wieder, die Schulen haben die Schichtbetrieb Pläne schon geschickt, es bleibt spannend. Raphaels Zeugnis haben wir uns gestern abgeholt, weil wir es für die Anmeldung in der nächsten Schule brauchen. Wir waren sehr erfreut, dass er nur in Sport und Deutsch einen Zweier hat. Er hat sich wirklich sehr bemüht und mit diesem Zeugnis wird die Anmeldung im gleichen Gym wie Rebecca wohl klappen. Vielleicht schafft er es auch zukünftig die Nomen groß zu schreiben, dann passt das auch mit Deutsch. Er sagt, dass er es eh weiß, dass die Hauptwörter groß geschrieben werden, aber seine Hand macht es nicht,….

Morgen wird mein Vater 72. Wir werden wie schon zu Weihnachten net Videotelefonie für ihn singen. Am ersten möglichen Tag hat er sich für die Impfung angemeldet und gesagt, sobald er immunisiert ist, wird er uns wieder besuchen. Naja, nachdem die Impfpläne aufgrund der Lieferschwierigkeiten zum 3. Mal geändert werden, tippe ich auf die Sommerferien,….

Freude verloren

Ich muss das jetzt schnell los werden um die Gedanken zu sortieren. Mir scheint, dass ich durch die Anspannung der letzten Monate meine Fähigkeit zur Freude verloren habe. Ich war immer ein emotionaler Mensch, Skorpion durch und durch. Wenn ich Grund zur Freude habe, renne ich grinsend durch die Gegend. Ich fühle das auch körperlich, es kribbelt überall, ich bekomme rote Wangen. Und das wurde auch nicht anders, als ich älter wurde.

Aber jetzt? Es ist so anders, dieses Gefühl ist einfach weg. Ich habe die Wohnung zugesprochen bekommen und war erstmal nur erleichtert. Ja klar, ich habe ja noch keinen Mietvertrag, aber ich kenne mich anders. Gestern habe ich eine offizielle, finanzielle Zuwendung bekommen. Ich habe das im Dezember eingereicht und nie was gehört, ich habe also nicht mehr damit gerechnet. Ich war überrascht, weil ich es jetzt einfach am Konto gesehen habe. Ich habe Rechnungen bezahlt und die Übersiedlung ist nun gesichert. Aber abends habe ich trotzdem geheult, wie ein Schlosshund. Wenn ich mich freue fühlte sich das immer anders an.

Heute habe ich ein Jobangebot bekommen. Privat, durch Mundpropaganda, als Hausverwalter, also, das was ich wirklich kann. Dem Arbeitgeber ist bekannt, warum ich in meiner alten Firma nach 17 Jahren gekündigt wurde und er will mich trotzdem sprechen. Ich bin fassungslos, überfordert und vieles anderes. Aber Freude fühlte sich anders an,…..