das Kind in mir

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tilak 1972/73

 

Wenn man so wie ich, eine gefühlte Ewigkeit darauf wartet, Mutter zu werden, dann malt man sich jahrelang aus, wie das wäre. Man beobachtet andere Mütter und denkt sich, was man selbst anders / besser machen würde. Aber am Wichtigsten war und ist mir, dass ich bei meiner Erziehung andere Entscheidungen treffe, als meine Mutter. Wenn ich das Bild betrachte, denke ich, dass ich damals schon sehr ernst wirke. Aber es gibt unzählige Bilder aus meiner Kindheit, wo ich lache. Laut diesen Dokumenten war ich ein durchaus fröhliches Kind. Ich habe keine Erinnerung an diese Zeit, nur ganz dunkel kann ich mich an Erlebnisse aus der Kindergartenzeit erinnern, die Geburt meines Bruders 1976 und dann in der Volksschule beginnt mein Langzeitgedächtnis – ist aber auch schon ewig her 🙂

In den 70er Jahren war die „g`sunde“ Watschen Standard, damals gab es noch keine Kinderrechte und dergleichen. Da mein Vater 2 Jobs hatte, damit meine Mutter Haus und Kinder hüten kann, war meine Mutter meistens allein zuständig. Sie kam vom Land, ihre Familie richtig arm, sie musste im Sommer die Schuhe mit ihrer Schwester teilen. Sie knobelten morgens, wer die Schuhe trägt und wer barfuß zur Schule geht. Unvorstellbar. Trotzdem habe ich mich meine ganze Jugendzeit gefragt, was ich dafür kann, dass sie so eine elende Jugend hatte. Sie hat mich also oft geschlagen, natürlich hauptsächlich in`s Gesicht, damit zum Schmerz noch die Scham dazu kommt, wenn der Handabdruck im Spiegelbild verblasst. Als ich älter war, bin ich ihr oft davon gelaufen, aber sie ist mir immer nach und sie hat mich immer getroffen. Ich weiß noch, dass ich einmal rücklings über ein Kästchen gefallen bin, man könnte meinen, das wäre Schmerz genug gewesen, aber Nein, sie hat sich gebückt und mich trotzdem getroffen.

Eine gute Alternative zur Watschen, oft genug eine Draufgabe, war in der Ecke stehen. Und, wenn das vergehen schlimm genug war, durfte ich in der Ecke knien. Kein Wunder, dass ich einen Dachschaden habe, denn die Tapeten damals waren sehr orange und sehr blumig und ich kannte jede Faser auswendig.

Die üblichen anderen Verbote, wie kein Fernsehen, kein Naschen und später kein Ausgehen gab es natürlich auch. Und es gab auch die Bevorzugung des kleinen Bruders, wobei ich das nur teilweise ungerecht fand. Er war so ein lieber Kerl, dass ich ihm nie wirklich böse sein konnte. Als er 8 Jahre alt war, wurde er krank und ist es heute noch, seit damals lebt meine Mutter sowieso mehr oder weniger nur für ihn und bis zu einem gewissen Grad verstehe ich das auch.

Ich hatte mit ca. 18 Jahren einmal eine stundenlange Aussprache mit meiner Mutter. Sie hat sich für ihr Verhalten all die Jahre entschuldigt, wir haben beide viel geweint und ich habe sie danach besser verstanden. Aber es hat mir die verlorene Mutterliebe nicht ersetzt und ich habe mein ganzes Leben diese Liebe bei Männern gesucht. Symbolisch gesprochen, natürlich. In meiner ersten Beziehung war ich überhaupt fälschlicherweise der Meinung, wenn wir Sex haben, dann liebt er mich.

Ich erziehe meine Kinder anders (meine Mutter meint „gar nicht“) und ich bin froh, dass ich sie nicht schlagen „muss“. Wir reden viel und das ist oft mehr als anstrengend, aber ich möchte es halt anders machen. Was daraus wird, wird man sehen.

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2 Kommentare zu “das Kind in mir”

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