Geniale Störung

lautet der Titel eines Buchs von Steve Silberman, welches ich derzeit lese. Es ist ein dicker Wälzer, erinnert mich an frühere Zeiten, wo ich Hardcover Bücher verschlungen habe. Gleich beim 1. Treffen zur Erstkommunion von Raphael habe ich den Vater von T. kennen gelernt, der sich für sein autistisches Kind wünscht, dass er sich in dieser neuen Gemeinschaft ein bisschen wohl fühlen kann und vielleicht sogar neue Freunde findet. Ich bin mit ihm ins Gespräch gekommen und er hat mir dieses Buch geborgt bis zur Erstkommunion im Mai bin ich fertig damit.

Erst war ich skeptisch, den mit der Asperger Diagnose befindet sich Raphael zwar im Spektrum, aber richtig autistisch sehe ich ihn immer noch nicht. Das zeigt mir auch der direkte Vergleich mit T, wenn wir alle zusammen singen und plaudern, zeigt er ein viel auffälligeres Verhalten als Raphael. Ich habe die Geste aber so nett gefunden und es schadet ja nicht, sich zu bilden. Was soll ich sagen? Das Buch lässt mich nicht los. Gerade über Dr. Asperger und seine Methoden die Auffälligkeiten der Kinder in seiner Obhut aufzuzeichnen und zu katalogisieren wird viel geschrieben.

Er hat in Wien gelebt, ich fühle mich also direkt angesprochen und er hat sogar noch gelebt, als ich schon auf der Welt war. Wie spannend diese Forschung über den Autismus war, diese Forschung, die zeitgleich in Wien und Amerika (Dr. Kanner) stattgefunden hat, ohne, dass sich die beiden Ärzte jemals getroffen hätten. Wie irrwitzig, dass die Klinik in Wien vom gleichen Architekten wie die in Amerika errichtet wurde, wodurch sogar das Umfeld er Patienten einigermaßen gleich war. Ich war bis zur Matura 12 Jahre in der Schule, ich war die erste Genreration, die massiv über den 2. Weltkrieg unterrichtet wurde, ich habe in Geschichte maturiert, ich habe nachher mit meinem Freund, der 18 Jahre älter war und gar nichts darüber gelernt hatte, jede erdenkliche Dokumentation zu dem Thema gesehen. Aber der Abschnitt in dem Buch über den Beginn des 2. Weltkriegs, lässt mich wieder einmal fassungslos innehalten. In der Zwischenkriegszeit wurde Wien ein medizinisches Zentrum, die medizinische Versorgung der Bevölkerung war weltweit die Beste. 1930 gab es 5000 Ärzte in Wien, nachdem Anschluss 1938 waren es noch 750.

Ich bin erst im 1. Drittel des Buches, aber ich bin fasziniert. Obwohl es natürlich viele medizinische und technische Erklärungen gibt, liest es sich, wie ein Roman. Es ist spannend, jeder neue Fall eines Kindes, welcher untersucht wird, hier oder über dem großen Teich, ist spannend. Und keiner gleicht dem anderen, wie das eben so ist beim Autismus. Wie lang man die Betroffenen gequält hat mit der Hoffnung, dass es für diese Störung irgendwann einmal eine Heilung in irgendeiner Form geben wird. Wieviele Eltern durch penible Aufzeichnungen, Ausdauer und Hingabe zu der heutigen Definition des Autismus beigetragen haben.

Ja, also das Buch ist für Interessierte in jedem Fall empfehlenswert, egal, ob man direkt oder indirekt betroffen ist.