Tag 16

Heute morgen um 7:20 Uhr stehe ich an einer großen Kreuzung (Vorgartenstraße/Lassallestraße), auf der Reichsbrücke steht genau ein Auto, die Vögel zwitschern und von unten dröhnt die U Bahn Ansage: „Bitte zurücktreten“. Ich werde nie wieder einen Katastrophenfilm sehen können.

Die Parkraumbewirtschaftung in Wien wurde aufgelassen, meine Kollegin kommt also mit dem Auto und schafft das in 30 Minuten, anstatt der üblichen Stunde. Ich fahre öffentlich derzeit 20 Minuten länger als sonst, Wartezeiten von 10 Minuten sind üblich, klar beim Samstag Fahrplan.

Die Chefin sehe ich nach über 2 Wochen heute wieder, obwohl keiner von uns im Urlaub war. Sie wohnt außerhalb von Wien und erzählt, dass im Dorf mehr los ist als sonst. Vormittags geht sie nicht mehr raus, weil ihr zu viel Action ist und nachmittags sind die Supermärkte halb leer. Sie wandert viel mit dem Hund, der arme alte Mischling kennt sich gar nicht mehr aus. Die Pflegerinnen lässt sie nicht raus, aber es gibt ja einen großen Garten.

Im Job resigniere ich derzeit etwas, ich werde bis Weihnachten nicht mehr fertig. Egal, geht eh nur step by step. Grundsätzlich ist festzustellen, dass die Vollidioten noch blöder sind und die Freundlichen noch einfühlsamer. Bei jedem Anruf verstecke ich mich hinter einer Mauer, ich mag nicht mitfühlen, ich habe keinen Platz mehr. Die Mauer besteht aus Steinen, die ich in Griechenland und der Türkei gesammelt habe, der Boden hinter der Mauer ist voll Sand aus Thailand. Kein Wunder, dass ich akribisch mitschreibe, ich würde sonst jedes Wort vergessen.

Vom Weltgeschehen wenig bis nix mitbekommen, irgendein Statement vom Unterrichtsminister: jeder bekommt seinen Abschluss, aber fragen Sie mich nicht, wann und wie *grins* Bei allem Respekt, aber das hätte ich ohne ihn auch gewusst.

1 1/2 Jahre plagen uns in der Schule und im Hort die Läuse, wer hätte je gedacht, dass wir sie auf diese Art los werden?

Werbung

Tag 15

Nach 3 Tagen zuhause muss ich wieder ins Büro. Die Tochter hat keinen freien Platz mehr an ihrem Körper, sie malt bei mir weiter. Ich arbeite heute non stop von 8 Uhr bis 17 Uhr, ist nur geistige Arbeit, aber extrem anstrengend, für jedes Lokal ein eigener Text, immer in Rücksprache, ich merke um 14 Uhr, dass ich nicht fertig werde. Ich muss morgen wieder hin. Mein Herz bricht, die Kinder fallen mir derzeit um den Hals wie zu Kindergartenzeiten.

Gleichzeitig bin ich dem Herrgott jeden Tag dankbar, dass ich arbeiten darf! Ich bin Alleinverdiener seit 10 Jahren, das gelingt immer nur so ganz knapp, würde ich heute oder morgen arbeitslos, wäre das eine Katastrophe. Ich will also nicht ins Büro und die Kinder „allein“ lassen, ich bin aber froh, dass ich hin kann. Es zerreißt mich innerlich.

Im Hinterkopf frage ich mich, wenn ich nachweislich CoVid19 positiv bin oder auch nur einer aus meinem kleinen Umfeld, darf ich nicht mehr raus. Auch der Vater der Kinder nicht. Wer versorgt uns dann mit Lebensmittel? Dabei denke ich noch gar nicht, ernsthaft gesundheitliche Schwierigkeiten zu haben. Ich habe trotz Übergewicht und Rauchen eine sehr gesunde Natur.

Ich weiß natürlich, dass Risikopatienten derzeit ganz andere Sorgen haben, auch die s.g. Älteren, die plötzlich keine sozialen Kontakte mehr haben dürfen oder ohnehin nie hatten, isoliert in der anonymen Großstadt, die Unmengen plötzlich Arbeitsloser, die Maturanten, die irgendwie zu ihrer Matura kommen müssen, selbst Frauen, die derzeit Babys bekommen ohne Unterstützung der Lebenspartner, usw. aber die Gedanken kreisen am 15. Tag der österreichischen Maßnahmen. Genau genommen in der Nacht, denn schlafen ist derzeit Glückssache.

Wie immer an einem Bürotag habe ich wenig globale Informationen, anscheinend hat Amerika plötzlich die ganz große Krise verstanden, Ungarn ist seit heute keine Demokratie mehr, in Italien dürfte der Peak erreicht bzw. überschritten sein und in Österreich werden ab Mittwoch Mundschutzmasken in den Supermärkten verteilt.

Tag 14

Heute also Sonntag, unser Pyjama Tag. In Memoriam haben wir 2x Asterix und Obelix geschaut. Raphael hat das Bild für die Leseoma fertig gemalt, komischerweise kam heute ein E-Mail vom Hort. Ja, die Tage verschwimmen.

Ich hab den Balkon aufgeräumt, wenn nach dem Wintereinbruch der Frühling kommt, können wir ihn nutzen. Im Winter verkommt er immer zu einer Art Freiluft Abstellkammer. Ich mache das meistens um diese Zeit, aber ich hab mir dabei nie gedacht, dass wir heuer unsere draußen Zeit, nur da verbringen werden.

Ich höre zufällig die Kinder reden. „Wenn du dich entscheiden müsstest: nie wieder Elektronik oder nie wieder Freunde, was würdest du tun?“ Offensichtlich machen sie sich auch schon Gedanken über diese eigenartigen Zeiten. Meinen Kindern fehlt es an nichts, wie ich meine, aber selbst sie denken sich ihren Teil. Bei Raphael haben die Alpträume wieder zugenommen, war klar, wenn seine Routine fehlt. Wenn sie im September alle wieder zur Schule gehen, werden sie nicht mehr sein, wie vorher.

Ich muss morgen wieder raus und mir graut davor. Wahrscheinlich sehen wir uns wieder Alle im Büro und ich weiß nicht, wie fit ich bin um Alle auf einmal zu ertragen. Da nach 2 Tagen genug los sein wird, kann ich mich in die Arbeit vergraben. Zeitgleich unendlich dankbar überhaupt noch Arbeit zu haben. Es ist mühsam.

Habe heute wieder mit Tirol geschrieben. Tirol hat ja komplett Quarantäne, die eigene Gemeinde darf nur unter strengen Auflagen verlassen werden. Interessanterweise rechnet die Tirolerin damit, dass das Leben nach Ostern wieder beginnt und bestellt schon mal Mundschutz, sonst ist nachher wieder alles ausverkauft.

Heute wurde ein schwerer CoVid19 Fall aus Sarajevo eingeflogen, ein Soldat. Komischerweise keine Angaben zu Alter und Vorerkrankungen. Kann ja als aktiver Soldat nicht so ganz zur Zielgruppe gehören. Irgendwo auf der Welt ist ein Kind, ca. 1 Jahr alt, an CoVid19 gestorben. Definitiv auch nicht die Zielgruppe.

Tag 13

Heute ausgiebig die Kinder gelüftet, für dieses Bild an einem frühlingshaften Samstag in Wien, hätte ich direkt zum Wasser gehen müssen, damit kein Mensch am Bild ist. Es hat uns gut getan raus zu gehen, sie toben mit den Rollern, zum Abschluss gibt es das erste Eis der Saison.

Das zweite Wochenende in der Ausnahmesituation, wenn man 14./15.3. mitrechnet das 3. Wochenende. Wir hätten einen 9. Geburtstag eines Freundes aus dem Kiga gefeiert, den Geburtstag meines Bruders, wir wären im Schwimmbad gewesen um für Raphaels Schwimmabzeichen zu üben, wir würden Pläne für die Karwoche schmieden, ich hatte mir heuer zum 1. Mal die ganze Woche frei genommen.

Statt dessen sind 75 Personen an CoVid19 in Österreich gestorben, 390 in Deutschland, 2.349 in Frankreich, 5.690 in Spanien und über 10.000 ! in Italien. Da ich in Mathematik einen Zusatz bei der Matura hatte, bin ich ziemlich sicher, dass ich über Kurven Steigerungen nichts gelernt bzw. damals schon nicht verstanden habe. Statistik hatte ich nie. Aber ich habe im Lauf des Lebens ein Gefühl für Zahlen bekommen und diese Zahlen jagen mir Schauer über den Körper. In Italien sind über 10.000 Menschen gestorben, in 4 Wochen, und wir diskutieren wielange die Spielplätze noch geschlossen sind. Mich macht das müde.

Der Peak (das Wort kannte ich auch vorher nicht) wird Mitte April bis Mitte Mai erreicht sein. Das sind 4 Wochen, eine verdammt lange Zeit, wenn man es eh schon nicht mehr aushält und morgen schon raus will. Morgen ist der 29.3. ! und Zeitumstellung, was wahrscheinlich egal ist. Mir aber nicht, weil ich Montag raus muss.

Es ist Wochenende, oftmals herbei gesehnt, momentan kommt es so nebenbei daher, die Tage verschwimmen. Und immer wieder muss ich die Stille erwähnen, draußen ist kein Ton zu hören, Samstag um Mitternacht.

Tag 12

Ich bin heute erst um 8 Uhr aufgewacht und habe mich richtig ausgeruht gefühlt. Allein dieses Gefühl war herrlich! Nach genau 2 Wochen Panikmodus hat sich mein Körper langsam daran gewöhnt, der Angstschmerz ist auch seit ein paar Tagen weg. Selbst die sonst üblichen Schmerzen am Anfang der Periode habe ich nicht, vielleicht ist mein Körper auch taub geworden, so als Selbstschutz.

Heute also wieder ein Arbeitstag ohne Arbeit. Da die Sekretärin diese Woche wieder im Büro ist und mittlerweile mit Jedem Kontakt hatte, werden wir ab nächste Woche wieder im Vollbetrieb arbeiten. Wir sind zu klein um dauerhaft 2 Schichten zu haben. Ich habe vereinbart, dass ich Mo, Mi, Fr ins Büro gehe und Di+Do bei den Kindern bin. Sie brauchen auch mich in dieser komischen Zeit und ehrlich gesagt, brauche ich das auch! Wir kuscheln viel, leben unsere neue Struktur und morgen werden wir mal zu 3. raus gehen. Wie blöd das eigentlich alles klingt.

Ich kann mich immer noch nicht an diese Stille in der Großstadt gewöhnen, morgens ist kaum ein Ton zu hören, heute war wenigstens die Müllabfuhr unterwegs. Aber selbst die Baustelle gegenüber ist nahezu ruhig, viel weniger Arbeiter und hauptsächlich Innenausbau. Die Vögel sind untertags so laut, wie normal nur Sonntag morgen. Beim Einkaufen war ich in 3 Läden allein an der Kassa, wohlgemerkt am Freitag um 15:00 Uhr. Die Regale sind wieder voll, wenn auch in geringerer Stückzahl. Ich kann immer wieder Sachen günstig kaufen, die ich normalerweise gar nicht anschaue, weil zu teuer. So gönne ich mir heute ein Lachsfilet und denke beim Essen grinsend an die Steiermark.

Die Soforthilfe für die Kleinstunternehmer kann ab heute beantragt werden, sämtliche Zuständige betonen seit Tagen, wie wichtig und toll dieses Paket ist. 2 Stunden nach der Öffnung der Formulare wird das Kleingedruckte auf Twitter auseinander genommen. Natürlich fallen Viele wieder durch den Rost. Bei den Todesraten in Spanien und Italien denke ich mir immer öfter, es gibt schon so unendlich Viele, die das alles gar nicht mehr brauchen und mangels Platz nicht einmal ordentlich bestattet werden. Über 900 Tote in 24 Stunden, ich hoffe all Jene, die von einer normalen Grippesaison sprechen, schämen sich in Grund und Boden.

Es ist anstrengend zu 4. in dieser Wohnung gedrängt zu leben, die Kinder haben zu keiner Zeit ihres Lebens so viel Zeit zuhause verbracht, wie jetzt. Und trotzdem denke ich mit Schaudern an die 10 Jahre, die ich allein gelebt habe. Ich würde „sterben“ allein zuhause ohne die Ablenkung meines Alltags hier!

Tag 11

Endlich einmal ein paar Stunden geschlafen, war nötig. Ich stehe jetzt immer auf, wenn ich wach bin, meist gegen 7, krame im Haushalt rum und schaue Nachrichten. Dann kommt das erste Kind, schlaftrunken, noch warm vom Bett, wir kuscheln auf der Couch, Quality time pur. Wir schauen das neue Schulfernsehen. Da gibt es immer eine Doku über eine Wildtierfarm in Namibia, echt interessant. Dann fangen wir an mit unserem Schulprogramm, heute lief es ganz gut. Rebecca bewegt sich im Zahlenkreis 1 Mio, Raphael lernt mit Rest rechnen. Deutsch passt auch, dann lesen. Langsam kommt Routine in das System. Wenn obiger Text ernst zu nehmen ist (angeblich Regierungskreise) begleitet uns dieser Zustand noch eine ganze Weile. Ich bin traurig, weil es Rebeccas Abschlussjahr ist. Aber naja, gibt wohl schlimmeres.

Die Spitäler in den hot Spots in Tirol kommen langsam an die Grenze ihrer Kapazitäten, dort sind erstaunlich viele fitte 50 Jährige Skifahrer auf der Intensivstation, zum Glück bin ich erst 49 und fahre nicht Ski. Ein junger CoVid19 Positiver hat einen Lungenfacharzt in Wien angesteckt, der Arzt ist daheim, aber schwer bedient und gelinde gesagt gröber verärgert. Angeblich hat das AKH mit dem Hinweis, dass er den Virus nicht hat, gemeint er solle zum Facharzt gehen.

Beim Einkauf heute gegen 15 Uhr waren erstaunlich viele Menschen unterwegs, trotzdem natürlich extrem weniger als sonst. Die Läden sind wieder gefüllt, wenn auch spärlicher. Geschlossen wird jetzt immer um 19 Uhr, ab Montag schließt Hofer um 18 Uhr. Viele große Supermärkte werden Prämien ausschütten für die Mitarbeiter, unser aller Sebastian stellt diese prompt steuerfrei. Unsere Regierung ist noch nicht einmal die berühmten 100 Tage im Amt.

Überall in Europa beginnt das Sterben, derzeit besonders schlimm im Spanien, hot Spot Madrid, Italien scheint sich zu erholen, Frankreich hat auch schon Engpässe. In Amerika gehts im großen Stil los, klar sind ja auch andere Mengen von Menschen, hot Spot dort derzeit New York, ein Arzt sagt in die Kamera, dass 9/11 ein Spaziergang war dagegen, und irgendwo in Schweden wird noch Ski gefahren.

Habe ein paar Anrufe aus dem Büro, in einem Haus werden „gefährliche Risse“ entdeckt, was sonst, wenn man den ganzen Tag die Wand anstarrt. Angeblich ist eines unserer Häuser komplett unter Quarantäne,…

Zuhause läuft es überraschend gut. Wir wollten die Eltern WG heuer auflösen, der Vater der Kinder sollte zurück in seine deutsche Heimat, die Kinder und ich wollten übersiedeln, endlich jedes Kind ein eigenes Zimmer. Das wird wohl jetzt nichts so schnell. Im Grunde bin ich froh, dass er noch da ist, ich muss sicher demnächst wieder mehr arbeiten. Er hat heute mit den Kindern eine Rätselralley gemacht, die hatten Spaß. Wir reden viel über das ganze Geschehen zur Zeit und geben uns Mühe nicht aneinander zu geraten. Das Konzept klappt also auch in der größten Krise seit ewigen Zeiten,

Tag 10

Heute pfeife ich aus dem letzten Loch. Kurz nach 4 kam Raphael zu mir ins Bett und wie das bei Schlafstörungen so ist: einmal wach, geht nichts mehr.

Im Büro 8 Stunden durchgearbeitet, Mieter fragen, Vermieter fragen, Handwerker fragen, selbst Wiener Netze fragt, aber wo bekomme ich die Antworten her? Mega anstrengend, dauernd voll konzentriert, Texte aus dem Ärmel schütteln, zwischendurch Texte von Innung, Rechtsanwälten lesen, deren Tinte am Papier noch nicht trocken ist. Und jeder Fall muss einzeln besprochen werden.

Dann ist es auch noch ein Unterschied von Schicksalen in den Nachrichten zu hören oder direkt „betroffen“ zu sein. Jeder der heute anruft, hat persönlich ein Problem. Als ich eine Baufirm anrufe, von der ich weiß, dass sie Notfälle bearbeiten, erklärt mit der Techniker, dass die halbe Firma in Quarantäne ist, weil die Sekretärin in Ischgl war. Er wartet seit 6 Tagen auf das Testergebnis. Die AUA Stewardess ist in Kurzarbeit, der Friseur und das Gasthaus sind behördlich gesperrt, der Airbnb Mensch hat sich noch gar nicht gemeldet, Mieter hängen für unbestimmte Zeit in Bosnien fest,…

Mittag wird mir eine derart abartige Geschichte von einem Kunden erzählt, der seinen CoVid-positiven-erwachsenen Enkel über 3 Länder nach Wien holt, dass ich vor Zorn 10 Minuten heule. Diese Ignoranz der Reichen, die sich alles richten, und das dann noch wie nebenbei erzählen und selbst zur Mega Risikogruppe zählen. Ich finde keine Worte dafür.

Zuhause ist ein Brief für Rebecca, sie wurde vorläufig am Wunschgymnasium angenommen. Am Ende des Schuljahres, wann immer das ist, muss sie die AHS Reife noch vorlegen,.. sie freut sich sehr, ich bin zu müde und verunsichert, zeige das aber (wie immer) nicht. Sogar Raphael gratuliert ihr 😎

Von den nationalen und internationalen Nachrichten bekomme ich wenig mit. Irgendwas mit Unsummen, die in Deutschland und Amerika in die Wirtschaft gepumpt werden, Angela Merkel ist Corona negativ, Prinz Charles ist positiv, Spaniens Kurve ist jetzt schon stärker als Italiens, Europas Ausbruch schlimmer als China und die 3. Welt hat auch die ersten Fälle.

Tag 9

Ich werde wieder früh wach, diesmal steh ich aber auf und fange Hausarbeit an. Die erste Woche habe ich jede deutschsprachige Nachricht gesucht um mir ein eigenes Bild von dieser Sache zu machen. Das habe ich jetzt und somit bin ich wieder im Modus, das beste daraus zu machen.

Nach exakt 9 Tagen geht Rebecca das erste Mal aus dem Haus, ich habe ihr die neuen Regeln natürlich erklärt, aber das draußen zu sehen, ist was anderes. Überall die Plexiglas Wände vor den Kassen, der Supermarkt quasi leer, sehr ungewöhnlich. Ich schaue die Nachrichten ohne sie, aber sie haben das Virus Video der Stadt Wien gesehen und ich erzähle ihnen in einfachen Worten was los ist. Die Maturanten haben einen neuen Termin Mitte Mai und wir reden darüber. Sie schmieden Pläne, wie man jahrgangsweise die Klassen wieder öffnen könnte. Ist natürlich realitätsfern, macht uns aber Spaß und bindet sie mit ein.

Hatte ein Gespräch mit meiner Chefin, ich bin morgen wieder im Büro und die Hausbesorger brauchen ihre Löhne. Gut, dass ich das alles in meiner Karenz gelernt habe. War auch eine Notsituation als mein Chef ins Koma gefallen ist. Ich muss am 31.03. eine Wohnung übernehmen, sie sagt, dass ich auf keinen Fall irgendwelche Fremden treffe – Schlüssel wird uns übermittelt und dann gehe ich allein hin – soll mir Recht sein. Über 100.000 Arbeitslose in einer Woche, ich habe einen Job, ein Glück!

Eine große österreichische Supermarktkette weiß, dass das Virus nicht über Flächen übertragbar ist. Diese Information würde ich an die Wissenschaft verkaufen, die ist sich da nämlich noch nicht einig. Gleichzeitig schickt die ÖBB eine Aussendung, dass die Reisenden regelmäßig ihre Handys säubern sollen wegen einer möglichen Übertragung des Virus. Also im Supermarkt x keine Übertragung möglich, im Zug via Handy schon.

Meine Tante schickt ein Video, dass Menschen mit der Blutgruppe A aufgrund eines speziellen Zuckermoleküls besonders gefährdet sind. Seufz! Solche Informationen können derzeit nur ernsthaft sein, wenn sie aus China kommen und selbst dann nur, wenn „unser“ CoVid nicht bereits mutiert ist. Das sind zumindest meine Gedanken dazu.

Achja und Achtung: auf einem Kreuzfahrtschiff welches in Quarantäne war, wurden 14 Tage nach Räumung noch Teile des Virus gefunden – der Virologe lächelt und sagt, selbst, wenn das stimmt, kann er sich eine Ansteckung über diesen Weg nicht vorstellen.

Die Welt steht einerseits still, selbst Indien hat jetzt Ausgangsbeschränkungen erlassen und andererseits überschlagen sich die immer mehr verwirrenden Erkenntnisse. Immerhin kenne ich nach langer Zeit wieder einmal die österreichischen Politiker namentlich.

Tag 8

Kalt war es heute morgen auf dem Weg zur Arbeit. Habe mich gewundert, dass ich immer noch über das Wetter nachdenke. Die Marillenernte in der Wachau ist in Gefahr,…

Was ist heutzutage nicht in Gefahr?

Im Büro wieder massig Nachrichten gecheckt, wichtiges gleich erledigt, auch die Alltagsarbeit, die Abrechnungen müssen raus, als ich diese Arbeit im Jänner für März geplant habe, war unsere Welt noch in Ordnung. In China ging’s grad los. Unser Plan, der letzte Woche Donnerstag aufgestellt wurde, wird heute wieder geändert. Wir können doch zu 3. im Büro sein, vorerst gehe ich aber nur 2x/Woche. Gut für meine Kinder.

Die Kinderbetreuung macht jeder anders. B lernt mit ihrem Sohn jeden Tag 3-4 Stunden inkl. Turnübungen, es gibt nichts Süßes wegen zu wenig Bewegung. Der Bub war exakt 8 Tage nicht draußen. A hat 4 Kinder und Gott sei Dank Haus mit Garten. Die Schulkinder müssen mit dem Wecker raus und Vormittag lernen, nach der Mittagspause Aufgabe machen. Dafür sind die Osterferien frei. Die Lehrerin von Raphael fragt am Freitag die Eltern und Kinder wie die erste Woche Coronaferien gelaufen ist 👿 wir haben getrennt von einander geantwortet und bis heute kein Echo,… dafür haben die Maturanten einen neuen Termin am 18.5., vorher 2 Wochen Schule. Mir liegt der Unterrichtsminister nicht so, aber er sagt, dass auch alle anderen Schulstufen einen Abschluss haben werden. Offensichtlich dauert die Krise in Österreich nicht so lang, wie in China.

Ich bin sehr müde, habe heute kaum Nachrichten mitbekommen. Der Vater der Kinder sagt, dass die offiziellen Zahlen so ca 2 Tage hinterher hinken. Er zeigt mir das auch, auf seiner Liste hat Österreich schon 21 Tote. Ich merke langsam, wie ich abstumpfe was diese Zahlen betrifft, ich denke, dass unterschiedlich getestet wird und ich schätze, dass ich z.B. nie einen Test sehen werde. Das Netz um einen Test zu bekommen ist eng bei uns, so gesehen gut, wenn ich nicht dabei bin. Auf Twitter unterhalten sich Ärzte, das medizinische verstehe ich natürlich nicht, aber ich lerne, dass eine CoVid Lunge anders ausschaut als eine Lungenentzündung.

Die Stille in der Stadt ist immer noch unheimlich, ich muss ständig auf die Uhr schauen, weil es so unwirklich ist, Uhrzeit und Lärmpegel passen nicht zusammen. Nachts wird die Stille noch schwerer.

Tag 7

Das Kabarett gestern Abend war eine super Idee, ich habe viel gelacht und danach direkt gut geschlafen. Witzig, wie man seinen Körper überlisten kann, selbst mein Angstschmerz ist heute nach über 7 Tagen deutlich besser. Abends bin ich so müde, dass ich um 22 Uhr die ZIB 2 versäume, genau genommen schlafe ich schon beinah vor den Kindern ein, sehr angenehm! Jetzt bin ich zwar wach, aber ich fühle mich gut.

Es ist Sonntag, wie vereinbart machen wir nichts, die Kinder schauen fern oder Netflix oder spielen mit der Elektronik. Mit kleinen Aufgaben im Sinne von kannst du mir mal helfen, locke ich sie zwischendurch von den Geräten weg. Rebecca hat gebacken, Raphael hat gesaugt, ich installiere eine Lern App, die ihnen soviel Spaß macht, dass sie gar nicht merken, dass ja eigentlich Sonntag ist und sie nicht lernen müssen. Ich selbst habe das Kinderzimmer sauber gemacht.

Die Büro WhatsApp Gruppe eskaliert. Eigentlich wollte ich gerade heute nichts damit zu tun haben, aber es ist für alle schwierig, natürlich auch für die Chefin. Ich denke wir haben eine gute weitere Lösung gefunden, genau kann man das natürlich nicht sagen, weiß ja Keiner wie es weiter geht.

Wir haben in Österreich Ausgangsbeschränkungen, in Tirol Ausgangssperre und in Deutschland Kontaktverbot. Angela Merkel befindet sich in Quarantäne. An der obigen Grafik ist deutlich sichtbar, dass es am Samstag faktisch kein öffentliches Leben in halb Europa gab.

Morgen muss ich zur Arbeit.