31.01.2021

Eines der letzten Urlaubsfotos, damals mit meinem Ex, im Juni 1999. Ein Jahr später haben wir uns getrennt. Das sah dann so aus, dass ich meine erste eigene Wohnung überhaupt hatte und wir trotzdem jedes Wochenende zusammen verbracht haben. Das ging noch ein gutes Jahr so, war aber eine schöne Zeit, weil es keine Erwartungen mehr gab. Er ist knapp 20 Jahre älter als ich. Er war meine erste große Liebe. Manche sagten damals, ich sei ihm hörig gewesen. Ich nannte es Liebe. Er hat mir immer alles erzählt, von Anfang an. Ich war 21 als wir eine Affäre begonnen haben, 23 als wir zusammen gezogen sind, 30 bei der Trennung. Bis zur Geburt meiner Kinder hatten wir regen Kontakt, die ersten Jahre nach der Trennung stundenlange Gespräche. „Keiner kennt mich so gut, wie du“ hat er immer gesagt. Erst vor ein paar Jahren war ich wieder einmal auf einem seiner Klassentreffen dabei.

Heute schreibt mir seine Tochter, dass er im Sterben liegt! Die Ärztin hat angerufen und gemeint, dass sie sich verabschieden kommen soll. Sie hat lange überlegt, ob sie sich melden soll, wollte aber auch nicht erst Bescheid geben, wenn es vorbei ist. Sie habe ich letztes Jahr im März getroffen, eine Woche vor dem ersten lockdown. Unser Altersunterschied beträgt nur ein paar Jahre, wir haben uns von Anfang an gut verstanden. Wir hatten in all den Jahren viele Gespräche über ihre Jugend, die Trennung ihrer Eltern und eben über ihren Vater. Sie weiß wieviel er mir einmal bedeutet hat. Ich werde morgen Nachmittag vor dem Krankenhaus warten, wenn sie bei ihm war, kann sie mir erzählen. Auch von den Wochen vorher, von der Diagnose, von all den Sorgen und Ängsten.

Wir haben uns zu Weihnachten und zu Neujahr geschrieben, wie immer. Kein Wort vom Krebs. Wir haben im Sommer telefoniert, er hat erzählt, dass Corona kein Thema für ihn ist. Aufgrund des COPT und der schlechten Beine, geht er ohnehin kaum raus. Wie immer haben wir uns verabschiedet mit den Worten: jetzt müssen wir uns dann einmal wiedersehen. Ich werde versuchen mich zu verabschieden, weiß aber nicht, ob ich wegen Corona rein darf. Es ist mir ein Rätsel warum er nichts gesagt hat. Unzählige Krankheiten hat er immer wieder scheinbar gehabt, ein echter Hypochonder! Der Bandscheibenvorfall in unserer gemeinsamen Zeit, war das einzige echte Problem. Und der Alkohol. Aber kein Wort über die Krebsdiagnose,…

Ich bin im Moment ziemlich durcheinander. Seit Wochen drehen sich meine Gedanken über mein verkorkstes Leben, meine Existenzsorgen, meine Schuld an der Kündigung, Alpträume inklusive. Seit ein paar Stunden bin ich gedanklich zwischen 25 und 30 Jahre alt. Mit ihm gab es keine Grenzen, er war ein Lebemann und eine Zeit lang war ich Teil davon. So habe ich die USA, Mexiko und Asien kennen gelernt. Den Führerschein habe ich in der Fahrschule gemacht, aber Auto fahren gelernt habe ich bei ihm, in seinem Scirocco. Wir haben heute geweint am Telefon, aber auch festgestellt, dass es eigentlich verwunderlich ist, dass er mit seinem exzessiven Lebensstil überhaupt 68 geworden ist!

2 Kommentare zu „31.01.2021“

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