Der Abschied

Nachdem ich gestern noch draußen auf seine Tochter gewartet habe, war es heute soweit. Ich habe mittags erfahren, dass er innere Blutungen hat und mir einen Besuchstermin für 15 Uhr ausgemacht. Die Tatsache, dass ich als Ex überhaupt rein darf und als 2. Besuch am heutigen Tag (die Tochter war am Vormittag) zeigt die Dringlichkeit. Wegen Corona darf man das Krankenhaus als Besucher nur mit Termin betreten. Beinahe hätten sie mich am Eingang nicht rein gelassen. Herr W. hatte heute schon Besuch! Aber ich kann hartnäckig sein.

Aufgrund der Epilepsie meines Bruders kenne ich das AKH ganz gut, aber es ist immer wieder beeindruckend dieses riesige Krankenhaus zu erleben. Allerdings für mich nicht im positiven Sinn. In heutigen Zeiten mit Massen von Menschen in Masken auch nicht gerade besser. Endlich betrete ich das Zimmer. Ein Einzelraum, ein Überwachungszimmer, im 21. Stock, der Ausblick ist gewaltig. Wir haben uns vor 3 Jahren das letzte Mal gesehen, mit den kurzen weißen Haaren kennt er mich nicht gleich. Guter Gesprächsanfang: hab mir eh gedacht, dass du mich nicht mehr kennst!

Er hat eine Sauerstoffmaske, anfangs verstehe ich ihn kaum, ich stehe also erstmal eine Stunde neben ihm, den Kopf nach vor gebeugt. Die meiste Zeit redet er. Ich bin überrascht, dass er so klar ist in seinen Gedanken. Sein Kopfpolster ist voller Haare, seine Arme sind blau, die Haut weiß-grau, die Augen stark offen. Die meiste Zeit redet er, er freut sich offensichtlich, dass ich da bin. Es gelingt mir mehrmals ihn zum Lachen zu bringen. Ein paar Mal weint er, es gelingt mir nicht zu weinen. Nach einer Stunde kommt eine sehr freundliche Pflegerin und fragt, ob er was braucht. Er möchte aufrecht sitzen, quer im Bett. Sie meint, das geht heute nicht, er hat viel Blut verloren, da geht der Kreislauf flöten. Er besteht darauf wegen der Lungenentzündung, er darf nicht nur liegen. Er setzt sich durch und darf 15 Minuten sitzen. Ich massiere in der Zeit seinen Rücken, er hat Druckstellen vom Leintuch. Ich bin froh endlich was tun zu können und sage ihm, er soll sich entspannen und mal nichts reden, ist eh das sitzen anstrengend genug.

Er fragt, ob ich eh dann noch bleibe. Ich gebe mir innerlich bis 17 Uhr Zeit. Später werde ich gefragt, wie man sich zum letzten Mal verabschiedet. Ich weiß es nicht mehr. Knapp 40 Minuten später wusste ich nur noch, dass ich in der Tür noch gewunken habe und dass er mir nachgeschaut hat. Meine Knie sind weich, wie Pudding, mir ist flau im Magen. Endlich wieder an der Luft, rufe ich seine Tochter an. Gestern hatten wir ein langes persönliches Gespräch. Ich bin froh, dass ich da war! Ich wünsche ihm, dass er in Frieden gehen kann!

3 Kommentare zu „Der Abschied“

  1. Es lässt einem hier mit einem dicken Kloss im Hals sitzen, beim Lesen. Ich finde es gut von dir dass du ihn noch einmal besucht hast. Ist es doch das Wertvollste was du für ihn und dich noch tun konntest.
    Fühl dich umarmt. 🍀
    Nati

    Gefällt 3 Personen

      1. Wer da noch vernünftig reden oder gar schreiben kann, hat das Herz am falschen Ort.
        Irgendwann wirst du anders darüber schreiben oder sprechen können, mit etwas Abstand.
        Raus ist immer gut, das kenn ich sehr gut.
        Alles Liebe für dich. 😘

        Gefällt 3 Personen

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