Motivation

Der Ausblick vom Balkon ist auch nachts ein Vergnügen.

Am 16.08. hat die Kindergartengruppe, der ich hauptsächlich zugeteilt bin, eine neue fixe Pädagogin bekommen. Seit die langjährige Pädagogin im April ihre Schwangerschaft bekannt gegeben hat, wurde die Gruppe von der englischsprachigen Assistentin und pädagogischen Springerinnen geführt. Die ESA ist seit Ende Juni krank, die Springerinnen im Sommer eher rar, die Gruppe hing ein wenig in der Luft.

Ich war sehr gespannt auf die neue Kollegin. Sie kommt direkt von der Schule, hat eine 3 jährige Ausbildung heuer mit Matura abgeschlossen. Da ich erst seit April in der Branche bin und meine 4 monatige Umschulung lächerlich war, war die Neugier groß. Zumal wir derzeit 3 Eingewöhnungen haben und damit kenne ich mich gar nicht aus.

Die junge Frau ist top motiviert und allein das ist schon herrlich erfrischend. Unser Personal ist mehr oder weniger ausgebrannt, nach dem Wechsel der Leiterin, haben 3 Leute gekündigt, was wieder die Eltern nervös gemacht hat. N. hat sich jedenfalls den Gruppenraum sehr genau angeschaut und Ideen aufgeschrieben. Sie möchte aber die Umgestaltung mit ihrer ESA besprechen. Als erstes hat sie einmal die Sessel der Tische farblich markiert, damit sie sich nachher beim Sitzplan leichter tut. Die Kinder waren begeistert.

Überhaupt kommt sie gut bei den Kindern an und kann sich auch durchsetzen. Es ist echt eine Freude sie zu beobachten, sie nach Gelerntem auszufragen und ihre Ideen zu hören. Diese Aufbruchsstimmung hat mich angesteckt und ich konnte mir zwischendurch ein wenig Zeit für den Hort nehmen. Geputzt habe ich die Gruppe schon vor meinem Urlaub, jetzt habe ich die Idee der Geburtstagsfeier aufgeschrieben.

Ich habe den Hort im April übernommen, die Geburtstagsfeiern hat M. weiter geführt, weil die Rätsel auf Englisch waren. Jedenfalls gab es einen Piratenhut, der nie so richtig gepasst hat. Ich werde weiße Kappen besorgen und diese persönlich auf das Geburtstagskind bezogen, bemalen. Dazu gibt es Gutscheine, die im Lauf des Jahres eingelöst werden können.

Das Jahresthema wird Planeten und Sternensysteme sein. Die neue Chefin hat ihre Diplomarbeit darüber geschrieben und nimmt am Montag ihre Unterlagen mit. Dazu planen wir den Elternbrief nächste Woche, die Gestaltung der ersten Schulwoche und des Elternabends. Noch 2 Wochen Ferien, dann geht es los mit dem neuen Schuljahr und meinem ersten Turnus. Ja, ich bin motiviert und ein bisschen aufgeregt.

Achso, am 1.9. bekomme ich einen neuen englischsprachigen Assistenten für den Hort, ein junger Brasilianer, der 4 Sprachen spricht und eine pädagogische Ausbildung hat. Ich verspreche ihm eine Chance zu geben, obwohl ich weiß, dass er kein M. ist,….

Good bye Mitch!

Heute war also der letzte Arbeitstag meines Kollegen. Bei seiner Kündigung hat er gleich dazu gesagt, dass er uns am 9.9. besuchen wird, weil er sich von den Hort Kindern verabschieden möchte. Es wäre unfair einfach nicht mehr zu kommen. Also machen wir an diesem Tag das Abschiedsfest.

Diese Woche hatten wir den niedrigsten Personalstand, seit ich dort arbeite. Somit war es mir nur am Montag vergönnt, noch einmal mit ihm zusammen zu arbeiten. Wobei die Arbeit im Kiga anders ist als im Hort. Trotzdem ist mir sofort wieder diese Harmonie aufgefallen, ich beginne einen Handgriff und sehe im Augenwinkel, dass er ihn zu Ende machen wird. Wir sind im Garten und ich denke, dass wir eine Trinkstelle eröffnen sollten und er sagt:“ I‘m going to the kitchen, we need water.“

Im Praktikum habe ich ihn als freundlich und witzig kennen gelernt. Ansonsten war ich auf die Pädagogin konzentriert, die mir Aufgaben gegeben hat. Als ich im April zu arbeiten begonnen habe, kannte ich natürlich grob die Grundsätze, war aber trotzdem unsicher. Als Quereinsteigerin mit 50+ Er hat mich vom ersten Tag an aufgebaut und unterstützt. Ich war erst 2 Wochen davor im Knie operiert und er hat anfangs sehr oft die Kinderabholung gemacht.

Es gibt im ganzen Haus kein Kind, das ihn nicht liebt. Er tröstet, er schlichtet Streit, er wickelt, er verarztet. Immer auf Augenhöhe mit den Kindern. Dabei hat er als Snowboarder und Ski Lehrer vor 7 Jahren in Tirol Österreich kennen gelernt. Jetzt geht es also zurück nach Australien. Ich wünsche ihm von Herzen alles Gute! Und werde ihn selbst im Herzen tragen. Es gab wenige Menschen bisher mit denen ich derart gut harmoniert habe.

Schlaflos

Jetzt wohnen wir seit 17 Monaten hier, aber an diesem wunderbaren Ausblick kann ich mich immer noch nicht satt sehen. Die Wohnung ist viel zu klein, der Lift war jetzt 3 Wochen außer Betrieb, wir haben weder Geschirrspüler noch Waschmaschine, aber die Lage direkt an Schnellbahn und U-Bahn und der Ausblick sind genial!

Seit meiner Jugend habe ich schlaflose Phasen. Ich kann mich erinnern, dass ich mit 15 in der Nacht aus dem Fenster auf den Wilhelminenberg geschaut und mich gefragt habe, was nach dem Tod kommt. So lästig das ist, weiß ich mittlerweile, dass es irgendwann wieder besser wird. Und sei es nur aus Erschöpfung. Trotzdem habe ich mich gestern lange gefragt, warum die Polster, die meistens super bequem und handlich sind, in solchen Nächten einfach nicht und nicht passen wollen.

So wurde mir neulich Nacht bewusst, dass ich als einzige Kollegin von 15 Personen, seit 11.4. kein einziges Mal krank war. Und ich bin bei weitem die Älteste im Haus. Und sie waren wirklich krank. Naja, es gibt wahrscheinlich auch nicht viele Menschen, die 17 Monate Arbeitslosigkeit für 2 OPs und eine Umschulung nutzen.

Mein Vater hat letzte Woche seine Bestrahlung begonnen. Ich habe jeden Tag an ihn gedacht, mich aber nicht nachfragen getraut. Wenn er nicht anruft, passt es halbwegs. Gestern rief er an und erzählte, dass ihn die Nebenwirkungen am Wochenende wie ein Blitzschlag getroffen haben. Ich habe ihm von meiner Vogel-Strauß-Taktik erzählt und er hat gelacht.“Jo eh! Wenn’s Oarsch is, möd i mi scho!“

Mein australischer Kollege im Hort hat gekündigt, weil er zurück nachhause geht. Die Nachricht hat mich sehr getroffen, seit Wochen träume ich von seinem Abschied. Ich habe ihm einmal gesagt, dass ich noch nie in meinem Leben einen Mann, wie ihn kennen gelernt habe. Was vermutlich daran liegt, dass ich keine australischen Männer kenne. Unsere Zusammenarbeit war derart harmonisch, dass es fast unheimlich war. Oft haben wir ohne Absprache das gleiche Ziel verfolgt. Wenn ich eine Arbeit begonnen habe, hat er sie zu Ende geführt. Dazu kommt, das es wirklich kein einziges Kind im ganzen Haus gibt, dass ihn nicht liebt! Wenn er vorbei kommt um Hallo zu sagen, läuft die halbe Gruppe zu ihm. Das mag an seiner ruhigen Art liegen. Oder, weil er der einzige Mann im Haus ist. Am Freitag ist sein letzter Tag, aber er kommt am 9.9 sich von den Hort Kindern verabschieden. Und da derzeit auch kaum Personal da ist, machen wir seine Abschiedsfeier auch da. Ich habe lange überlegt, was ich ihm schenken soll. Ich werde einen Stein bemalen. Auf einer Seite die australische Flagge, auf der anderen die österreichische. Es werden Tränen fließen!

Abseits dieser persönlichen Befindlichkeiten, habe ich das ungute Gefühl, dass wir uns gesellschaftlich auf sehr dünnem Eis bewegen. Corona war irgendwie nur der Anfang. Heuer ist der 3. Corona Sommer, wir hatten die erste Sommer Corona Welle und irgendwie interessiert es gefühlt keinen Menschen mehr. Seit 1.8. gibt es in Österreich keine Maßnahmen mehr, seit die Tests kostenpflichtig sind, wird kaum noch getestet, und positiv Getestete ohne Symptome sollen/dürfen arbeiten gehen. Und zur Schule. Parallel dazu haben in meinem Umkreis sehr Viele sich infiziert, übrigens Alle mit Symptomen. Aber derzeit beschäftigt uns die Inflation als Auswirkung des Ukraine Krieges deutlich mehr. Die Preise für geschätzt Alles klettern in rasender Geschwindigkeit in ungeahnte Höhen. Müßig zu erzählen, dass ich 1000 Euro ! Stromnachzahlung habe. Spätestens im Herbst wird es soziale Unruhen geben, sagen Experten. Nicht nur hierzulande, denn ganz Europa ist betroffen.

Und da habe ich die Klimakrise noch gar nicht erwähnt. Der Neusiedlersee (das Meer der Wiener) ist am Austrocknen, das Grundwasser sinkt, manche Parks hier erinnern an eine Steppenlandschaft.

Das wurde jetzt ein bisschen lang, aber wie eingangs erwähnt -> schlaflos